Kapitel 38: Abknickende Vorfahrt
Als erstes mal liebste Glückwünsche zum Geburtstag an meine Lieblingscousine daheim! Feier schick ein bisschen Sina, auch wenn morgen Montag ist! Ich werde nachher ein Bintang auf Dich trinken.
Heute morgen klingelt kein Wecker. Ich schlafe so lange wie möglich. Es ist acht Uhr, als ich aufstehe und zur Bar wandere, um mir ein Frühstück zu bestellen. Zum ersten mal seit Tagen vor dem Surf. Ich bestelle wie fast jeden zweiten Tag ein Omelett mit Toast und einen Fruchtsalat mit Melonensaft. Die Vitaminbombe, nach der mein Muskelkater geplagter Körper verlangt.
Bernhard kommt inzwischen wieder vom Spot und berichtet von einem ziemlich hohen Swell, den er kaum zu handeln wusste und der ihn auch nach einer Stunde dazu veranlasste, das Wasser wieder zu verlassen. Ich freue mich schon auf meine Session in zwei Stunden.
Daniel und ich paddeln den langen und anstrengenden Weg durch die hohen Wellen zu ein paar Japanern im Lineup. Dazwischen werden wir immer wieder kräftig durchgespült und in die Mangel genommen. Was heute Vormittag reinläuft ist wirklich mächtig und ein paar Anpaddelversuche enden leider immer in der Waschmaschine. Einmal als ich nach einem schnellen Takeoff die Rechte versuche zu nehmen, bricht unmittelbar die nächste Section vor mir closeout ein und reißt mich in die Tiefe.
Auch nach über eineinhalb Stunden will ich nicht aufgeben. Kämpfe immer wieder gegen das enorme Weißwasser und paddele, bis ich kaum noch Kraft habe. Vergebens, denn keine Welle erwische ich einmal an einer günstigen Stelle. Stattdessen bricht alles hinter mir im steilen, hohlen Winkel Closeout und fegt mich vom Brett. Etwas frustriert und vollkommen erschöpft gebe ich später auf. Zeit für einen Lunch, um verlorene Kräfte wieder aufzufüllen.
Gestern habe ich öfters vom Droppen und Vorfahrt geschrieben. Als kleine Ergänzung ein paar Informationen zu Recht und Unrecht auf der Welle. Über allem sollte immer stehen, niemals völlig respektlos auf seine Vorfahrt zu bestehen. Neben Streitigkeiten kann es dadurch nämlich schnell zu kaputten Brettern, aber vor allem auch zu leichten bis wirklich schweren Körperverletzungen kommen.
Grundsätzlich hat der Surfer, der näher am Peak, also am gebrochenen Teil der Welle ist, Vorfahrt. Ausnahmen gibt es natürlich immer, so dass der Surfer, der als erstes steht jemand anderem, der nähe an der Peak ist durchaus die Wellen klauen kann. Gerade hier gibt’s oft Unstimmigkeiten, gerade, weil man mit vielem anderen beschäftigt ist und dabei noch die anderen Surfer beobachten soll. Auch vor den Paddelnden hat der Surfende immer Vorfahrt, wobei die manchmal einfach mitten im Weg sind und man um sie rum fahren muss. Aus diesem Grund sollte man einfache Turns und eine halbwegs sichere Parallelfahrt in einem vollen Lineup auch beherrschen. Eine Finne kann ein Brett schnell wie Butter durchschneiden. Das passiert relativ häufig. Ich möchte nicht wissen, was mit einem menschlichen Schädel passiert.
Nimmt man jemandem die Vorfahrt, stellt sich also einfach auf eine Welle, auf der schon jemand steht, bzw. bleibt auf der Welle, obwohl gleichzeitig jemand surft, der näher an der Peak ist, nennt man dies droppen.
Genauso unfein ist es, im Lineup um jemanden herum zu paddeln, um sich in die Vorfahrtposition zu mogeln, auch snaken genannt.
Weitere Regeln sind allen voran, dass man niemals einfach sein Brett wegschmeißen darf. Klar passiert es manchmal, dass eine Welle es einem einfach entreißt. Dann kann man nur darauf hoffen, dass niemand hinter einem paddelt. Ein Brett gegen den Kopf ist gar nicht gut.
Paddelt man eine A-Frame Welle an und surft jeweils ein Surfer nach links und einer nach rechts, wo bietet es sich an, kurz „RIGHT!“ oder „LEFT“ zu schreien, um einen Zusammenstoß zu vermeiden.
Will man Ärger, teilweise Schlägereien oder zerstochene Autoreifen vermeiden, so sollte man vor Locals und generell alle anderen im Lineup respektieren, also ein paar nette Worte zur Begrüßung loswerden und auch mal eine Welle „verschenken“. Außerdem sollte das permanente Paddeln in der Inside vermieden werden, auch wenn das hier anscheinend kaum jemand tut. Mich, der niemanden verletzen möchte, nervt das eigentlich nur und ich hab regelmäßig Angst, wenn Anfänger, aber auch andere erfahrenere Surfer einfach ihr Brett fliegen lassen. Solche Ghostrider Aktionen können schnell lebensgefährlich werden.
Ich warte bis etwa 16:30 Uhr mit der zweiten Session, um den Sonnenuntergang vom Lineup aus zu beobachten. Vorm „Turm“, dem höchsten Punkt unseres Camps aus schaue ich mir meine Hausspots mit dem Fernglas an. Es sieht übel aus. Ziemlich hoch und gerade in der Inside ziemlich verweht. Dennoch gehen wir raus und paddeln in einer langen Setpause raus bis hinter die Brechungslinie bei Old Man. Wir sind allein und finden schnell raus warum.
Gefühlte Häuserwände rollen auf uns zu. Kubikmeter Wasser erbrechen sich kurze Zeit später über unseren Köpfen und nur mit Glück kann ich eine lange Linke erwischen. Danach ist Schluss. Die Wellen sind so brutal, dass wir rüberpaddeln nach Batu Bolong, wo immer noch recht großer Swell auf die Surfer einschlägt, jedoch nicht so gefährlich hoch und Closeout, wie bei Old Man.
Ein paar Linkshänder hält Big Blue auch hier für mich bereit, wobei ich leider nie über den Bottom turn im Wellental hinaus komme, da ich oben an der Lippe ständig rausgeworfen werde.
Es ist fast dunkel, als wir den langen Weg zurück an den Strand antreten.
Morgen heißt es bereits um 4:30 Uhr aus den Betten zu steigen, denn um 5 Uhr fährt mein Taxi zum Zodiac, das mich raus zur Airport – Welle auf dem offenen Ozean bringt. Ich hoffe nur, der Swell lässt etwas nach bis dahin.