Kapitel 46: Die Dörfer der lebenden Toten

Veröffentlicht auf von mal

Alles Beste und Großartigste und überhaupt zu deinem Jubiläum lieber Hän. Haste mich wieder aufgeholt mit den Jahren, alte Nase!!

 

Mick, ein Ire und einer meiner Guides fährt uns heute morgen um sechs Uhr nach Seseh, einem Spot weiter nordwestlich. Doch irgendwer muss den Tidechart falsch gelesen haben, denn die Ebbe ist soweit vorgerückt, dass kurz vor jeder Welle fast auf der Länge des gesamten Spots Felsen aus dem Wasser ragen.

Wir beschließen weiter nach unserer Welle zu suchen und treffen etwa 20 Minuten später in Kedungu ein. Doch auch dort brechen die hohen Wellen auschließlich closeout und nach intensiver Beobachtung, beschließen wir zurück nach Batu Bolong zu fahren, wo es langsam auf zunehmende Mid-tide zugeht, wenn der Spot am besten läuft.

 

In Provinz fahren wir durch Reisterassen und kleine Dörfer. Die Menschen hier scheinen sich anders zu bewegen, als im Süden. Es mag an der allgemeinen Gelassenheit, der frühen Stunde oder etwas anderem liegen, doch mich erinnern sie schwer an Zombies aus die Nacht der lebenden Toten, wie sie da neben der Straße mit starrem Blick durch die Gegend wanken.

Auch Mick ist meiner Ansicht und ich bin froh, in 28 Tagen nicht mehr hier auf der Insel zu sein.

 

Nein, es sind sogar nur noch sehr, sehr wenige Tage. Leider muss ich die Insel frühzeitig verlassen und seit gestern träume ich deswegen sogar schlecht. Mein neuer Arbeitgeber, ja, der, der euch jeden Monat die Hälfte eures Gehalts abknöpft, wünscht sich meine Anwesenheit schon vor dem November und wenn Vater Staat mich ruft, dann spurte ich.

Ich musste meinen Rückflug folglich nach vorne verlegen und kämpfe seit ein paar Tagen mit damit, mich mit dem inzwischen sicher kalten Deutschland gedanklich wieder anzufreunden.

Richtig bewusst wurde mir das erst, als ich heute meinen Namen am Pick Up Service zum Flughafen gelesen habe. Mit einmal werden die Minuten kostbarer und meine kleine Welt hier ein Stück endlicher. Doch will ich mir weitere emotionale Ausbrüche wegen des Scheidens vorerst ersparen und diese Gedanken bis zur Heimreise in die hinterste Kammer meines Frontallappens verbannen.

 

Meine Session am Hausspot verläuft großartig. Die Wellen sind hoch, ich schätze sie auf etwa neun Fuß, steil und sehr schnell.

Entsprechend fix geht auch mein Takeoff auf der ersten Welle vonstatten, der mich blitzschnell ins Tal und nach zwei Turns vor das Weißwasser befördert. Dieses ist jedoch so stark, dass ich mich keine paar Sekunden auf dem Board halten kann und mit einem Kopfsprung hinter die Welle flüchte.

Ein paar weitere mal werde ich ordentlich durchgewaschen, erwische aber hier und da vor den Longboardern den Peak und stehe am Ende der Session auf einer Welle, die mich tatsächlich über 200 Meter bis direkt auf den Strand bringt. Unglaublich, aber ich springe tatsächlich nach einer irre langen Fahrt vom Brett auf den Sand, reiße das Sportgerät unter den Arm und marschiere in Steven Seagal Manier an den verblüfft wartenden anderen Surfern vorbei. Strike.

 

Im Camp frage ich mich schlau, ob der Reparaturmensch schon da gewesen sei, wohingegen jemand an der Rezeption auf „Dr. Ding“ zeigt, der genau in diesem Moment abfahrbereit auf seinem Motorroller sitzt.

Timing. Er staunt nicht schlecht über den Flickenteppich, den ich ihm überreiche. Diese Versicherung scheint sich tatsächlich auszuzahlen.

 

Eine schlechte Nachricht gibt es hindessen über meinen Zeh zu berichten, der gestern am Riff versehrt wurde. Es scheint wirklich gebrochen zu sein. So fällt zumindest das Urteil unseres Möchtegern Halbarztes hier aus. Komplett blau bemalt und ziemlich schief schaut er aus, wenn man ihn mit seinem Zwillingsbruder vergleicht und höllisch weh tut er zudem. Nun, ein paar Painkiller und Booties im Wasser werden es schon richten die letzten Tage.

 

Nachmittags, voller Hoffnung, dass mein Norden (das ist mein Surfboard) noch vor Sonnenuntergang wieder bei mir verweilt, lasse ich den Mythos um den besten Pancake der Welt weiter wachsen und kehre im Warung meines Vertrauen am Strand des Tempels von B.B. ein.

 

Immer noch dauert das Fest des Gulungan an und immer noch versammeln sich abends hunderte Menschen um die vielen Tempel auf der Insel, um zu beten. Es ist schon erstaunlich, dass im Inselstatt Indonesien, wo 87% dem Islam angehören und nur 1,9% den Hindus, 95% von ihnen auf Bali leben. Doch selbst hier steigt die Zahl der Moslems durch die stetige Zuwanderung von kleineren Inseln stetig.

Der Hinduismus ist auf Bali bzw. in Indonesien wesentlich stärker gegenüber dem Buddhismus vertreten, da das Kastensystem, in das man hineingeboren wird, den Herrschenden stets äußerst gelegen kam.

 

Ich verbringe den Rest des Abends im Camp, da der Wind die Wellen anscheinend viel zu sehr bearbeitet und mein Brett zusätzlich immer noch auf dem Operationstisch in Behandlung ist.

Mir und insbesondere meinem immer mehr anschwellenden Zeh tut diese kleine Verschnaufspause jedoch sicherlich gut.

Beim Versuch, vor ein paar Minuten die Slackline, die über den Pool gespannt ist, zu überqueren, wurde mir bewusst, dass eine verfrühte übermäßige Belastung zu diesem Zeitpunkt sich nur als bedingt empfehlenswert darstellt.

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