Kapitel 44: Das Restaurant am Ende des Strands
Ich komme einfach nicht aus dem Bett heute morgen. Zu wenig Schlaf und zu viel Surf die letzten Tage. Zudem hat sich meine Uhr komischerweise von selbst verstellt, so dass ich voller Verwunderung bei Tageslicht aufwache, obwohl die Sonne eigentlich erst in ein paar Minuten aufgehen sollte.
Immer noch verschlafen schlurfe ich darauf mit Board unterm Arm gen Strand und schwimme kurze Zeit später dem Lineup entgegen. In den nächsten Stunden kommen uns für Bali Verhältnisse kleine Wellen entgegen, die vornehmlich von Longboardern lang abgeritten werden. Ich suche mir hingegen in der Inside weit rechts mit Blick auf den Tempel ein einsames Plätzchen, wo ich überraschend viele Rechtshänder unter die Finnen bekomme. Kurze und langsame Rides geben mir Möglichkeit, mit dem Gleichgewicht in den Turns zu spielen und ein wenig Balance und Wellenverhalten zu trainieren.
Nach dem Frühstück beginnt das Camp sich bereits in dicke Rauchschwaden zu hüllen. Es ist Tradition, die Reisfelder nach der Ernte komplett niederzubrennen, um jungfräulichen Boden für die neuen Gewächse zu erhalten.
Alles brennt, wobei mir der bekannte Rauchgeruch in der Nase fast lieber ist, als die stehenden Abgase im Süden der Insel. Bali muss ständig mit dem immer größer werdenden Verkehrsaufkommen kämpfen, da ein geplanter und nötiger Ausbau der Infrastruktur leider in den letzten Jahren ausblieb. Die Hektik, die Unfälle und das Chaos kommen noch hinzu.
Aber wo sollen sie auch alle hin, die Balinesen? Der Platz einer Insel ist naturgemäß endlich und schon jetzt müssen Landschaften und Agrarflächen immer öfter Wohnsiedlungen weichen. Um aber die Menschen weiterhin mit heimischen und damit bezahlbaren Lebensmitteln versorgen zu können, fallen immer mehr Waldflächen der Rodung zum Opfer, was in kommenden Jahren vielleicht Folgen mit sich bringt, die die Insulaner keineswegs abzuschätzen wissen.
Schon öfter habe ich hier über mein bedrückendes Gefühl hinsichtlich des Umgangs mit der Umwelt referiert. Doch bleiben anscheinend die meisten Menschen hier unbelehrbar und werden scheinbar von noch ausbleibenden, weitreichenden Konsequenzen verschont.
Doch wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis die zunehmende Bodenerosion zu Naturkatastrophen wie Überschwemmungen führt. Die einzige Angst, die die Balinesen vor der Natur haben, ist die permanente Furcht vor Ausbrüchen den heimischen Vulkane, die in den letzten Jahrzenten und Jahrhunderten immer wieder Tausenden das Leben kostete.
Doch auch diese Gefahr wird letztlich durch die immer engere Besiedlung für nicht weniger Menschen von Bedeutung sein.
Meine Session am Abend fällt aus. Ich stehe zwar lange Zeit mit dem Brett am Strand und beobachte die Spots, entscheide mich aber gegen eine Zuwasserlassung. Die Wellen brechen sehr klein und fast ausschließlich closeout. Ich bin leider inzwischen zu verwöhnt, als im Weißwasser starten zu wollen, um gerade auf den Strand zu zufahren.
Um dem monoton werdenden Campessen zu entkommen, gehen wir Echo Beach entlang, bis wir ein kleines Restaurant direkt auf dem Strand entdecken. Für den Weg brauchen wir dringend eine Taschenlampe, um den vielen Tieren am und auf dem Wegesrand auszuweichen.
Die Besitzerin des Lokals ist sehr nett und wir unterhalten uns über die Entwicklung von Canggu, die vielen neuen Villas und Hotels, die hier entstehen sollen und die Reisfelder, die dafür zum Opfer fallen. Es ist fast ironisch, dass ich noch vor ein paar Stunden hier darüber geschrieben habe.
Morgen ist Daytrip nach Kuta Beach an der Tafel angeschrieben. Doch ich werde wie gewohnte mit der Sonne aufstehen und den Mittag hier im fast verlassenen Camp verweilen. Ein ruhiger Tag soll es werden. Mein tausendseitiges Buch, welches ich vor drei Tagen zu lesen begann, hat den Zenit schon jetzt längst überschritten.