Kapitel 43: Es gibt Reis, Baby

Veröffentlicht auf von mal

Gegen meine Befürchtung verschlafe ich heute morgen um halb Sechs nicht, sondern warte am Ende der Treppe bereits, als Dave aus dem ersten Stock mit seinem Brett unterm Arm heruntersteigt.

Es ist noch Dunkel und mein großer gelber Freund wacht gerade erst auf, während wir dem schmalen Pfad Richtung Strand folgen. Das Wasser ist warm. Es mag an der Außentemperatur liegen zu dieser frühen Stunde, doch es fühlt sich gut an, durch die ersten Wellen in der Inside zu tauchen.

Ich surfe relativ kraftlose Rechtshänder und grabsche mir später, was die sich vermehrenden Longboarder mir übrig lassen.

Blöderweise stehe ich eine Welle, die ziemlich schnell zumacht zu lange, indem ich mich vor das Weißwasser setze und pumpe, bis ich fast vor dem riesigen Felsen abtauche. Zwar erreiche ich den Rock nicht mit meinem Board, hänge aber minutenlang im Shorebreak des Ungetüms fest und komme einfach nicht hinter den Break. Immer wieder zurückgespült streife ich das nahe Riff unter der Wasseroberfläche und schürfe mir die Knie auf. Verdammt.

 

Als ich endlich ein Stück weiter links etwas Zeit zur Ruhe finde, beschließe ich erst raus zu gehen, sehe dann aber Dave eine schöne Linke Schulter hinabgleiten und wage mich erneut ins Lineup.

Der Schmerz ist schnell verflogen und die Session dauert noch etwa eine weitere Stunde, bis zu viele Longboarder in das immer weiter nach vorne rückende Lineup stoßen und uns kaum noch Wellen überlassen.

 

Im Camp, das völlig verlassen scheint, da fast alle Gäste an einem Spaßcontest teilnehmen, reibe ich mir frische Limone über die offenen Stellen. Es brennt tierisch und ich bin froh, noch nie wirklich große Reefcuts abgekriegt zu haben.

 

Mittags gibt es echten holländischen Gouda mit Vollkornbrot. Ich erwähne das, da es auf der Insel fast keine Möglichkeit gibt, eben diese beiden Komponenten zu erwerben. Sucht man sie beispielsweise in der deutschen Bäckerei oder dem touristischen Feinkostgeschäft, so bezahlt man beinahe ei Vermögen für kleine Portionen. Ich habe mir beides von meiner holländischen Bekannten namens Kosja mitbringen lassen, die wegen eines wichtigen Geschäftsmeetings ihren dreimonatigen Trip hier unterbrechen musste und für tatsächlich drei Tage die fast 60 Stunden Reise angetreten ist. Einmal Amsterdam, Bern und dann zurück. Nun genieße ich echt holländischen Gouda in der Luxusvilla. Achja.

Alles, was die Balinesen selbst nicht essen oder hier produzieren, ist generell sehr teuer. So kosten ein paar Kilo Reist fast nichts oder eine Flasche heimischen Wassers vielleicht 10 Cent, wohingegen Volvic Import, was man hier durchaus erwerben kann, für das zehnfache zu haben ist.

 

Was ist typisch balinesisches Essen? Schnell vermischt man als gemeiner Europäer die vielen Nuancen und Abarten der asiatischen Küche.

Hauptnahrungsmittel war und ist Reis. Reis ist hier so fundamental, dass es ihn zum einen statt Pommes zum Bic Mac Menü gibt und er zusätzlich für jedes Wachstumsstadium ein anderen Namen hat. Ist er noch Halm, nennt man ihn Padi, ist er aber bereits gedroschen wird er Beras genannt. Gekocht kennt man ihn sogar in Deutschland als Nasi. Reis wird nicht nur gegessen, sondern genauso oft den Göttern auf Altären zur Besänftigung und Verehrung gereicht.

Für die Balinesen ist Reis einfach ein Grundstock des Lebens, der sogar eine eigene Seele besitzen kann. Tut er das nicht, ist das grundsätzlich ein Zeichen für eine schlechte Ernte. Mein Fahrer Jabes erzählte mir in den Reisfeldern von Ubut weiter, dass es inzwischen neben dem balinesischen traditionellen Reis auch eine neue importierte Sorte gibt, die etwas kleiner ist und statt zwei mal sogar drei mal im Jahr geerntet werden kann.

Gut und schnell wachsender Reis ist ein Zeichen von Fruchtbarkeit und das ist in der Religion schließlich allseits in positiv konnotiertes Wort. Schaut man sich einmal die Reisgöttin auf Bali an, so erkennt man schnell, dass Dewi Sri eine sinnliche Veranschaulichung von einer mehr als fruchtbaren Dame im besten Alter ist.

Früher durfte man den Reis nicht einfach mit Reis gleichsetzen, da zig Arten gezüchtet wurden und in zig verschiedenen Gerichten Verwendung fanden. Aufgrund des schnellen Wachstums und des damit höheren Ertrags findet man jedoch heute hier fast nur noch den qualitativ minderwärtigen weißen Reis (Nasi putih).

 

Reis im Essen findet man dennoch in allen Variationen serviert. So gibt es gekochten, gedämpften oder auch gebratenen Reis, das berühmte Nasi goreng.

Normalerweise kocht eine balinesische Küche am Morgen einen riesigen Topf Reis, der dann den gesamten Tag über zur Verfügung steht. Aus diesem speziellen Topf wird darauf über den Tag verteilt immer wieder geschöpft, wobei jeder in der Familie sich in der Hungersnot selbständig den Teller füllt und das aufgetragene mit der rechten Hand schnellstens verzerrt. Schulkinder oder Arbeiter bekommen einen Reishügel in einem Palmenblatt mitgegeben, praktisch als

Ersatz für die Tupperdose.

 

Kartoffeln kennen die Menschen hier nicht, außer als Angebot in Restaurants an die ausländischen Besucher. Hingegen bietet die Küche Gemüsesorten in allen Formen und Farben. Bedingt durch das Klima gibt es das ganze Jahr über verschiedene Kohlsorten, Aubergin, Tomaten, Gurken, Kochbananen, Süßkartoffeln, Wasserspinat, Brotfrucht, natürlich Papaya und so weiter. Obst selbst ist sowieso in Fülle vorhanden und besonders preiswert.

Über Obst könnte man noch viel mehr schreiben, doch will ich es hierbei einmal belassen.

Markant ist weiter, dass fast alles hier äußerst scharf gewürzt ist, was mir persönlich sehr entgegenkommt.

Zudem kommt dem Tee natürlich eine besondere Bedeutung zu, da er zu jeder Tageszeit kalt und warm getrunken wird. Weiter erhält man fast über alle frische, preiswerte und unglaublich leckere Fruchtsäfte. Ja, die Smoothies aus Europa könnten hier echt einpacken, wenn man sie mal in den direkten Vergleich mit meinem allmorgendlichen Wassermelonen-Ananas-Papaya-Mango-Bananen Saft stellen würde.

 

Nach einer ermüdenden Sesssion abends in kleinen Wellen fahren wir nach Kuta, um dort nach einem letzten Einkaufswahn im Bintang Supermarkt ein Essen beim Inder zu genießen.

Das Restaurant ist wirklich beeindruckend. Auf mehreren Ebenen gibt es viele separate Nischen, auf denen im Sitzen oder liegen indische Gerichte und Wasserpfeifen verzerrt werden können. Nach einer Vorspeise aus dünnem Brot und exotischen Soßen gibt es vor allem weißes Fleisch mit Soßen, die den Begriff „scharf“ neu definieren. Als Dessert einen unglaublich leckeren Brownie, der auf dem Tisch mit Eis serviert und kurz darauf mit kochend heißer Schokolade übergossen wird. Wow.

 

Im Seminyak Camp findet derweil eine Party statt, die nachher in einer Karaokebar fortgesetzt werden soll. Als ich im Camp eintreffe, erkenne ich viele bekannte Gesichter wieder, verabschiede mich aber, als mir der Pegel des restlichen Finnen und Gäste zu hoch wird.

Zusammen mit Dave und Daniel nehmen wir ein Taxi zurück nach Canggu. Es ist halb eins, als ich meine Apartmenttür aufschließe. Viel zu spät, wenn man bedenkt, dass ich morgen früh um 5:30Uhr auf ein Wochenend bedingtes Lineup spekuliere.

 

Werbung
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post