Kapitel 48: Dawn Patrol
Es ist mein letzter Tag hier auf der Insel. Das ist der Gedanke, mit dem ich heute morgen aufwache.
Ich stehe auf, reibe mir den Schlaf aus den Augen und verlasse mein Apartment hinaus ins Dunkle.
Schnell das Surfboard unter den Arm, die Booties angeschnallt und zusammen mit Bernhard und Kosja zu einer letzten Session runter an den Homespot.
Es dämmert, als wir die Bretter auf die Wasseroberfläche legen. Es ist absolute Low Tide und die Felsen ragen weit ins Meer. Wir sind allein.
Die Wellen sind klein und das Riff ist nah. Nach jeder Welle spüre ich die Felsen unter den Booties.
Es sind die letzten Wellen meines Trips und ich bin sicher drei Stunden im Wasser, bis die Tide bereits wieder kräftig drückt.
Im Camp muss ich ausziehen, da mein Zimmer gegen High Noon bereits weitervermietet wird. Alles zusammen packen und in die Villa schaffen.
Es passiert nicht mehr viel. Der Blues klopft bereits an die Gartentür meines Gemüts.
Ich liege größtenteils in der Gegend rum, lasse die Gedanken wandern und rede. Das Buch, das ich mir bis heute geliehen habe, hält noch immer 150 Seiten für mich bereit. Über Langeweile kann und konnte ich hier nie klagen. Nie. Zumeist war ich einfach zu erschöpft zwischen meinen Ausflügen, dem Surfen und Schlafen. Wenn die Sonne bereits um 18 Uhr untergeht und man jeden Tag 4 – 6 Stunden auf dem Wasser ist, schmelzen die Tage dahin, wie Cornetto am Kuta Beach (allein an der Endfassung dieser Metapher habe ich über 2 Minuten gearbeitet).
Auch dieser Tag neigt sich also irgendwann dem Ende und ich durchblättere die letzten Seiten meines Buchs. Die Welt ist nicht untergegangen – noch nicht. Ich springe das letzte mal in den privaten Pool der Villa, lass mich auf ein letztes Bintang einladen, bringe mein Boardbag auf den Hof zu den Shuttlefahrzeugen und verabschiede mich von den vielen Menschen, mit denen ich hier eine wirklich gute Zeit hatte. Sie stellen nur einen kleinen Teil des Gesamtpakets dar, doch bleibt durch den Umstand, dass ich dieses mal gehe und niemand mich auf der Insel verlässt ein biederer Nachgeschmack.
Ich habe meine Taschen über den Tag mehrmals gewogen und das Gewicht zwischen Hand- und normalen Gepäck strategisch möglichst günstig verteilt.
Am Check-in am Flughafen Denpasar passt mein Kontingent dann auch wunderbar, wohingegen Matthias, der durch Zufall denselben Flug wie ich nach Doha gebucht hat, mit einigen Kilos über der Grenze liegt. Ein Kilogramm Übergepäck kostet bei Qatar Airways supergünstige 55 Euro Aufpreis. Somit sagte der Herr am Schalter locker im Nebensatz, Matze hätte denn nun knapp 500 US Dollar nachzuberappen. Mal eben so.
Für 500$ arbeiten auf Bali die meisten Menschen ein halbes Jahr lang.
Teuer. Guter Rat ist nun auch teuer und mir fällt ein, das Bag des etwas im Regen stehenden Berliners irgendwo deponieren zu lassen, damit es am nächsten Tag jemand aus dem Camp abholen kann. Nächstes Jahr steht sein Trip nach Indo bereits, so dass sein Brett eben ein paar Monate dort ohne ihn verweilen muss.
Es klappt. Nicht mal 2 Euro kostet die Lagerung bei einem extra für so etwas zuständigem Unternehmen.
Mein Unternehmen „Heimreise“ startet gerade erst.
Die Sicherheitskontrollen hinter mir gelassen warte ich noch etwa eine Stunde mit hundert weiteren Fluggästen im Gedränge auf das Boarding.
Nochmals werden wir darauf hingewiesen, dass auf Drogenschmuggel ohne Diskussion ein Death Penalty erfolgt. Und während Penalty bei Fußballweltmeisterschaften ja bekanntlich den besten Kick darstellt, bin ich heute gar nicht scharf auf irgendeinen Nervenkitzel im Zollbereich.
Im Flugzeug dauert es keine halbe Stunde, bis wir die Flughöhe erreicht haben und ich die Augen schließe. Ich bin seit fast 24 Stunden auf den Beinen und mein Körper nutzt die Verschnaufspause schamlos aus.
Während der Airbus auf den indischen Ozean hinausfliegt, höre ich nur noch die leise Jazzmusik auf meinen Kopfhörern...