Kapitel 39: Zodiac
Seitdem ich hier bin, und das sind inzwischen annähernd sechs Wochen, quälte mich mein Wecker noch nie um 4:30Uhr aus den Federn. Meine Augen kleben noch zusammen, als ich mich an die Bar rette, um schnell einen Rührkaffee zu mir zu nehmen. Fünf Minuten bleiben mir für den Genuss des ersten Kaffees seit drei Wochen.
Kurz darauf starten zwei Suzuki APVs in Richtung Flughafen.
Die Fahrt kostet uns etwa 45 Minuten, da die Straßen noch leer sind und wir die Anlegestelle von Jimbaran erreichen. Der Zodiac wartet schon auf dem Meer und wir lassen die Boards zu Wasser, um herüber zu paddeln und anschließend ins Boot zu steigen.
Der Enduro Motor tuckert und wir schweben mit dem Ausleger über die Seichte See mit Blick auf die Airport Right, die sich regelmäßig wie aus dem Nichts aufbäumt und über das Riff schmettert.
Die Tide arbeitet gegen uns. Es bleiben vielleicht eineinhalb Stunden, bis das Wasser über dem Gestein so flach geworden ist, dass ein Surf fast unmöglich wird.
Aus dem Boot paddeln wir ein paar hundert Meter ins Lineup um die Rechtshänder herum.
Schon ein seltsames Gefühl, mitten im offenen Meer zu treiben, ohne Strand in der Nähe. Über uns befindet dich die Flugzeug Einflugschneise, was bedeutet, dass etwa alle fünf bis fünfzehn Minuten ein metallischer Vogel laut dröhnend über unsere Köpfe zieht.
Gleich die dritte Welle gebührt mir. Ein langer Ritt, bei dem ich leider einen knappen Turn am Kopf der Welle vermassele und dadurch von der steilen Wand zu Boden gerissen werde.
Ein paar mal werde ich danach richtig gewaschen. Später hänge sich sogar noch ziemlich lange in der Inside fest und komme einfach nicht um den Break herum.
Irgendwann, nach zwei beinahe Aufgaben erreiche ich die anderen dann doch wieder. Die Tide drängt. Das bedeutet, der Abstand zwischen Wasseroberfläche und Riff verringert fast minütlich.
Als ich eine lange Welle abreite, lande ich soweit in der Inside, dass ich das Riff bereits mit den Füßen spüren kann, während ich auf dem Board sitze. Das bedeutet, gerade mal 40 – 50 cm trennen mich von den scharfen Kanten. Ein unkontrollierter Sturz jetzt könnte fatale Folgen haben.
Aber alles geht gut. Zumindest bei mir.
Wieder im Zodiac lecken sich meine Mitstreiter ihre Wunden. Doch niemanden hat es wirklich schwer erwischt. Ein paar verrückte Japaner bleiben im niedrigen Wasser, während unser Boot wieder die Küste ansteuert.
Um elf Uhr, als wir wieder im Camp eintreffen, ist es Zeit für ein Frühstück.
Für den einen oder anderen mag dieses Gezeitengequatsche ja etwas fremd sein, weshalb ich mal kurz ein paar Worte über Ebbe und Flut im Zusammenhang mit Surfen verlieren werde. Im Prinzip entstehen diese aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Anziehungskräfte von Sonne, Mond und unser Erde.
Der Wechsel von beiden Gezeiten findet ziemlich genau alle sechs Stunden statt und verschiebt sich von Tag zu Tag um eine Stunde. Um da nicht schnell durcheinander zu kommen, da ein Spot oft nur bei einer ganz bestimmten Tide gut läuft bzw. bei einer anderen Tide lebensgefährlich werden kann, gibt es fast überall in Surfshops vor Ort Tidecharts, also Kalender auf denen man Tide an einem bestimmten Ort mit Uhrzeit und Koeffizienten ablesen kann.
Der Koeffizient gibt mehr Informationen, wie stark die Tide ausfällt. Stehen Sonne und Mond beispielsweise hintereinander, addieren sich ihre Kräfte und lösen besonders starke Unterschiede zwischen Flut und Ebbe aus. Genau anders verhält es sich natürlich wenn Sonne und Mond sich gegenüber stehen, also mit der Erde ein Sandwich bilden. Man spricht bei der ersten Konstellation auch von Kingtide.
Wenn man an einen Spot, vor allem einen Reefspot kommt, sollte man vorher wissen, ob die Tide auf die Flut zugeht, oder das Wasser sich in den Ozean zurückzieht. Schnell kann es sonst passieren, dass die Strömung einen mitnimmt oder ein scheinbar sicher geglaubter Spot in den Ernst- und man selbst darauf dann in den Panikmodus wechselt.
Die zweite Session in den Sonnenuntergang topt den Zodiac aber. Der Swell ist vor unserer Haustür immer noch recht hoch, aber ich greife mir nach einigen Ausflügen in die Waschmaschine mehrere Linkshänder und fahre endlich die ersten Turns backside. Die Früchte die ich ernte heute.
Ich will gar nicht aus dem Wasser, auch als es dunkel wird, aber meine Kräfte sind aufgebraucht. Der Tag war lang und ich habe mich wieder ans Limit gebracht. Für heute heißt es Feierabend. Duschen, Essen, Schlafen. Morgen etwas später, gegen sieben Uhr geht’s wieder in die Wellen. Mein Herz brennt bereits.