Kapitel 34: Die Früchte, die wir ernten

Veröffentlicht auf von mal

Heute Nacht holte Daniel zwei Freund vom Flughafen ab, deren letzte Station ihrer Weltreise nun hier auf Bali ist.

Natürlich war ihre Ankunft nicht völlig lautlos, so dass ich desöfteren aus dem Tiefschlaf gerissen wurde.

 

Schon um sechs Uhr geht mein Wecker schrill in die Luft und ich stelle mit Begeisterung fest, dass mein Board repariert in der Garage verweilt. Sie haben einen guten Job gemacht, wobei meine Nose weiterhin einen deutlichen kleinen Knick aufweist. Allerdings ist die Außenhaut, das Glassing vollständig dicht und wer will schon ohne Narben sterben?!

 

Batu Bolong ist heute morgen crowded wie selten zuvor – und das um halb sieben Uhr morgens. Demnach sind wir mit nur wenigen anderen Surfern kurze Zeit später bei Old Man im Wasser. Die Session ist äußerst anstrengend, aber ich erwische einige mal die Peak besonders günstig und realisiere endlich, dass die letzten Wochen Surf hier langsam Früchte tragen.

 

Surfen zu lernen ist ein sehr, sehr langer und oft frustrierender Prozess. Wer auf schnelle Erfolgserlebnisse hofft, und damit meine ich eine grundsätzliche Handlungsfähigkeit, sollte lieber Snowboarden oder Mountainbiken gehen. Nicht, dass andere Sportarten in ihrer Vollendung nicht weniger anspruchsvoll wären, so hat man aber hingegen des Surfens viel schneller erste große erfolggekrönte Erlebnisse. Es ist ein langer Weg und auch ich sehe mich nach fünf Jahren immer noch relativ am Anfang. Man braucht viel Zeit und auch Geld. Die Prioritäten beeinflussen einen großen Teil der Freizeit.

 

In meiner Karriere gab es bisher zwei wesentliche Schlüsselstellen, die mich oftmals fast bis zu Aufgabe gebracht haben. Da wäre zunächst der sichere Stand und die Timingperfektionierung mit entsprechender Körperkoordination, die nötig sind, um parallel in Grünwellen zu starten. Der Schritt, von einer gestanden Weißwasser-, also schon gebrochenen Welle hin zu einer ungebrochenen, steileren Welle ist für viele, inklusive mir, oft ein relativ großer.

Auch wenn ich das Reiten von kleinen Grünwellen mit großen Anfängerbrettern in Richtung Strand heute eher als langweilig sehe, so ist dieser wichtige Schritt dorthin doch elementar und hier bilden sich Gefühl für Bewegung und Wellenverhalten als Basis für alles weitere heraus.

Die meisten steigen zu früh um auf ein kleineres Brett. Das tat auch ich – und bezahlte die Rechnung mit einigen äußerst frustrierenden Sessions und Urlauben, in denen die Wellenbeute besonders mager ausfiel. An das fahren von Manövern war damals überhaupt gar nicht zu denken.

 

Ich bin also wieder umgestiegen auf mein Anfängerboard und habe viel Zeit mit monotonen Üben von separierten Bewegungsabläufen verbracht. Es hat sich gelohnt, denn obwohl man mit einem kürzeren Brett hinsichtlich des Paddelns und der Balance fast von vorne beginnt mit dem Lernen, so bleiben Basisbewegungen doch gleich. Besonders das richte Gefühl für den Zeitpunkt, wann einen die Welle „hat“, also anschiebt, wann dieser Überschritten ist und vor allem, wann der richtige Zeitpunkt blitzschnell aufzuspringen ist, bildet sich hier heraus.

Später in steileren und großen Wellen bleiben für solche Entscheidungen und automatisierten Bewegungen lediglich Bruchteile von Sekunden. Man denkt gar nicht mehr darüber nach, sondern fühlt den richtigen Moment.

Ich denke, das unterscheidet Surfen auch speziell vom Snowboarden. Ich habe hier viele Snowboarder aus der Schweiz und Österreich getroffen, die nicht zwangsweise im Vorteil mir gegenüber waren. Ich habe mir Ihnen viel drüber geredet, eine Menge über das Boarden im Powder erfahren und denke nicht, dass die Sportart einfach ist. Jedoch ist man nach zwei bis drei Tagen meist fähig einfache Pisten zu meistern. Das ist beim Surfen leider nicht so.

Die Schwierigkeit, sich mit Balance im dreidimensionalen Raum zu bewegen wird beim Surfen dadurch erschwert, dass der dreidimensionale Raum sich unter und über einem zusätzlich bewegt, ja, dich sogar zu verschlucken vermag und das Timing, wann man zu welchem Zeitpunkt wo zu sein hat, zusätzliche Anforderungen mit sich bringt.

Ein lebenslanges Training – insbesondere, wenn man viel zu selten zu Trainingseinheiten kommt:

 

Ein weiteres riesen Problem ist nämlich die wenige Praxis, die man hat. So kommt man im Jahr in der Regel nur wenige Wochen in die Wellen und von den wenigen Tagen bekommt man oft sogar nur einen Teil der Tage guten Swell ab. Auch meine gelegentlichen Ausflüge in die Nordsee lassen durch die schwierigen Bedingungen da kaum Lernzuwachs zu.
Doch so viele Wochen am Stück hier mit mindestens zwei Surfsessions fast jeden Tag zahlen sich nun langsam aus.

 

Heute morgen bin ich wie selbstverständlich Turns und sogar Floater gefahren, was ich mir vor ein oder zwei Jahren kaum erträumt hätte. Höchst gestoked sitze ich also nun beim Frühstück und habe meinen Tagesplan schnell zusammengebastelt:

Bis 15 Uhr faul rumliegen und danach wieder ins Wasser. Heute Abend früh zu Bett und morgen um fünf Uhr mit den ersten Sonnenstrahlen aufstehen. Ich will endlich mal alleine im Lineup sitzen.

 

Die Session am Nachmittag verläuft weiter gut. Ich bin mit meinem balinesischen Guide Andre draußen, der sich sichtlich Mühe gibt und mich durch die Wellen in die richtige Position lotst. Ich tue mich noch schwer mit Backside Manövern in Lefthandern, aber Übung macht bekanntlich den Meister.

Ich muss öfter lachen, als Andre die Wellen wie ein Pro Surfer schlitzt und die gesamte Zeit dabei seinen Reishut trägt, ohne ihn zu verlieren.

 

 

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