Kapitel 33: Tokio Hotel
Mein Tag der Zwangspause beginnt um sieben Uhr, da ich ziemlich früh, bereits um neun Uhr eingeschlafen bin. Eine Stunde herlicher Aufwachmusik auf meinem Player später, sitze ich an der Bar beim Frühstück.
Spiegelonline hat nichts neues für mich auf Lager, außer dass Tokio Hotel noch nie in Tokio waren. Na sowas.
Während ich eine Extraschicht Sonnencreme auftrage, die hier wirklich Verbrauchsgut #1 darstellt, ist mein Board bereits beim Onkel Doc. Sollte es heute abend nicht wieder im Camp auftauchen, werde ich mir eins hier leihen. Mehr als einen Tag Surffrei ist dann doch zuviel für mich. Von der Veranda aus kann ich hier einen Swellcheck machen und blicke direkt auf Old man. Die Wellen werden wieder größer und die nächsten Tage versprechen viel.
Morgen Abend gibt es ein Videochoaching der gestrigen Session. Fantastisch – so kann ich meinen Arial Wipeout mit anschließender Brettfraktur nochmals in Zeitlupe sehen.
Um halb eins startet hier heute mein Shuttle Richtung Kuta. Schneller als gedacht und vielleicht zum letzten mal werde ich heute einen Fuß in den Trubel setzen. Ich will den „freien“ Tag nutzen, um ein paar Einkäufe zu erledigen und danach einen großen Bogen um das Zentrum machen. Zu viel sagt mir die Abgeschiedenheit hier zu. Sechs ärmliche Hütten zählt mein Dorf und viele Kilometer Sandstrand. Mehr will ich nicht in meinen letzten Wochen. Hier bin ich zu finden. Wo man mich nicht sieht. Da weiß ich, dass es mich gibt.
In Kuta nehme ich viele Shops mit, finde hier und da ein paar tolle Schnäppchen, die zwar für Bali Verhältnisse recht teuer sind, in Deutschland aber sicher das dreifache kosten würden. Auch bei den Straßenhändlern ergattere ich ein paar Souvenirs und feilsche soweit, wie nur irgend möglich.
Glaubt man den Aussagen mancher Verkäufer, habe ich sie heute fast ruiniert. Tatsächlich glaube ich aber, dass sie trotz einer fast 80-prozentigen Preisreduzierung immer noch einen guten Gewinn in ihrer Kalkulation hatten.
Am Strand gehe ich zurück bis zur Double Six, was mich immerhin über eineinhalb Stunden kostet. Auf meinem Weg liegt der große Bintang Markt, wo ich ein hoffentlich letztes mal Geld ziehen und ein paar Lebensmittel einkaufen kann.
Am Ende, nach immerhin 6 Stunden Marathon treffe ich noch ein paar Leute in meinem alten Camp und quatsche eine halbe Stunde, bevor ich im Cosa Nostra zum wahrscheinlich letzten mal meine Capriciosa esse.
Mein Fahrer bringt mich gegen halb acht ins Canggu Camp. Auf dem Weg denke ich über die Menschen hier auf der Insel nach und komme zu zwei wesentlichen Merkmalen, die ich innerhalb der letzten fast fünf Wochen hier erkannt habe.
Auf der einen Seite sind sie das freundlichste Volk, das ich bisher jemals irgendwo kennengelernt habe. Sehr hilfsbereit, immer lächelnd und freundlich, ganz ohne etwas verkaufen zu wollen. Das unterscheidet sie grundsätzlich von touristisch orientierten Orten wie beispielsweise der Türkei.
Was mir aber auch bewusst geworden ist, ist, dass viele Menschen über keinen besonders hohen Intellekt verfügen. Zumindest ist das mein Eindruck, da ich auch in etwas tiefer gehenden Gesprächen immer das Gefühl hab, dass ihr Horizont ein weitaus niedrigerer ist, als der unsere. Gründe können tatsächlich im beschränkten Inselleben in einem 3. Welt Land, der oftmals eingeschränkten Bildung und dem vielleicht unmittelbareren Alltag zu suchen sein.
Angekommen halte ich die Augen für mein Board offen. Nichts zu sehen und die Guides sind busy wegen eines Meetings. Oje, ich will morgen surfen. Nein, ich werde.