Kapitel 13: Bananaboard
Zunächst mal möchte ich meinem Bruder nochmal alles Beste zum Geburtstag wünschen. Nachträglich. Aus dem weiter unten aufgeführten Grund war es mir leider nicht möglich den Eintrag hier vorher zu schreiben. Ich hoffe, daheim wurde ordentlich zelebriert.
Morgens reihe ich mich ein ins Lineup von Batu Bolong. Die miesen Tage sind vorbei und es läuft eine wirklich angenehm schnelle, hohe und saubere Welle über das Riff.
Es ist ziemlich crwoded am Point, doch kaum im Lineup zeige ich wenig Respekt gegenüber den länger wartenden und grabsche mir eine herrliche Linke inklusive einem Drop-in bis hinter die Schulter der Welle.
Der Rest der Session sticht durch eher magere Beute hervor. Ich paddele viel an, muss aber zumeist zurückziehen, da bereits jemand anderes in der Barrel steht.
Dennoch zufrieden beenden wir die Session nach zwei Stunden und widmen uns den Pancakes an der Strandbar direkt an den Spot grenzend.
Mittags habe ich mir vorgenommen ein paar Stunden Schlaf nachzuholen. Diese Chance wird mir leider geraubt, da ich Post in der alten Heimat bekommen hab, die dringend meiner gesamten Aufmerksamkeit bedarf. Das hiesige Ministerium verlangt nach unzähligen Papieren, Kopien und Unterlagen, die dort eigentlich längst vorliegen sollten. So bin ich also gezwungen verschiedene Helfer in Deutschland zu rekrutieren und mit Botengängen zu belasten.
Ich hasse die Bürokratie.
Aber sie wird mich die nächsten Jahre wohl finanzieren, also was soll ich sonst tun?!
Ich verpasse dadurch bedingt meine zweite Session in Dreamland, finde aber etwas später spontan in einem Shuttle nach Old Men platz. Old Men läuft leider gar nicht und wir landen wieder am Beachbreak in Kudeta.
Der Swell ist hoch und ich habe große Mühe ins Lineup zu paddeln. Neben mir paddeln zwei Aufsteiger aus dem Camp.
Wie aus dem Nichts baut sich urplötzlich vor uns ein Freakset auf. Während die erste Welle noch gut untertauche, scheint die zweite überkopfgroß genau vor meiner Nase gen Erde zu schießen. Die färbt sich bedrohlich weiß und ich gebe nochmal alles was ich hab.
Gerade als ich meinen Kopf und die Nase meines Boards in die Welle tauche bricht sie in einem höllenlärm und dem größten Druck, den ich bisher hier bei einer Welle ausgemacht habe. Ich werde zurück gerissen und Unterwasser gedrückt. Nun keine Panik. Gefühle Minuten sind wahrscheinlich in Wirklichkeit annähernd 8 Sekunden. Ich suche unterwasser nach Licht und schieße nach oben. Ein langer Atemzug und frischer Sauerstoff durchströmt mein Lunge.
An der Oberfläche herrscht Chaos. Nicht alle haben es so gut aus der Welle geschafft wie ich. Tommek, der neben mir war, wurde genau in die Impact Zone in der Inside gespült und hat nun fast zwei Bretter. Sein Board scheint auf das Riff gedrückt worden zu sein und ist in der Mitte geknickt wie eine Banane. Totalschaden. Es paddelt nun Richtung Strand und hat noch einen heftigen Shorebreak vor sich. Ich wühle mich wieder durch die dreckige Suppe und hab die Session nocht nicht ganz abgeschrieben.
Durch den vielen Regen hat sich der „Kanalisationsfluss“ wieder aufgefühlt und tauch das Meer auf den ersten 20 Metern in ein angenehm riechendes mediteranes braun.
Habe ich schon mal ein paar Worte über die öffentliche Abfallbeseitigung verloren?
Die Balinesen haben nämlich keine. Jeder ist für seinen Müll selbst zuständig und besitzt im Normalfall einen Platz zum verbrennen von Resten und Verpackungen.
Alles war fließen kann, landet in einem offenen Kanalsystem, welches letztlich im Ozean mündet. Das ist hier völlig normal.
Das Bewusstsein der Menschen hier für die Umwelt ist leider wie das des großen Rests in Asien. Oftmals sieht man um die Fischerschiffe eine Ölache schwimmen. Es gibt so gut wie keine öffentlichen Mülleimer.
An Recycling ist gar nicht zu denken.
Ich hoffe, die Menschen hier werden sehr bald merken, dass Ihr einziges Kapital, weswegen andere Menschen hier ihr Geld herbringen, ihre Natur ist. Natürlich setzt man die Prioritäten anders, wenn nicht weiß, was man seiner Familie abends auf den Tisch bringen kann. Natürlich denkt niemand an Solarenergie und Umweltplaketten, wenn er besorgt ist um seinen Arbeitsplatz, der eigentlich noch nicht einmal fürs Überleben reicht.
Doch muss die asiatische Welt begreifen, welche Konsequenzen sich aus solch einem Verhalten ergeben.
Es bedrückt mich, wenn ich überlege, welch kleinen Einfluss unser Land mitten in Europa auf die globale Entwicklung hat, wenn man Milliarden Menschen dagegenstellt, die momentan nichts anderes, als ihr Stück vom Globalisierungskuchen haben wollen.
Abends ist es dunkel. An sich nichts besonderes. Doch bleibt selbst das kleine Las Vegas, Balis Hauptstadt Kuta, in dieser Nacht ohne Blinkreklamen.
Ganz Bali ist ohne Strom.
Gerade zu Beginn unseres Barbecues gehen auf der Insel alle Lichter aus. Wenige Minuten Später leuchten doch bereits hunderte Kerzen und Fackeln auf dem Gelände. Gitarren und Trommeln finden sich als Ersatz zur Stereoanlage hinter der Bar.
Insgesamt sechs Stunden dauert es, bis die Lampen wieder flimmern. Ich schlafe bereits.