Kapitel 10: Alter Schwede
Ich paddele nun seit etwa fünf Stunden vorm Strand von Jimbaran. Die Wellen sind gut. Der Megaswell kam wie angekündigt Padang Padang soll heute nachmittag über 15 Fuß abbekommen Man berechnet die Welle immer vom Meer aus, so dass sie vor einem, kurz bevor sie bricht, um einiges höher, sogar doppelt so hoch sein kann. Das ist vor allem darin begründet, die Welle gespeist werden muss. Um das genauer verstehen, muss ich ein bisschen weiter in die Wellenkunde eintauchen.
Eine Welle besteht nicht aus ein und derselben Wassermasse, die über den Ozean wandert. Man muss weitaus tiefer ins Detail gehen, nämlich bis hin zur Ebene der Atome. Kleine Wasserteile werden durch Einwirkung von außen, Stürme oder Erschütterrungen, in Bewegung gesetzt. Diese kleine Teilchen liegen nun so nah aneinander, dass sie jeweils ihren Nachbarn dazu animieren sich den Tanz für sie weiterzuführen und übertragen die Energie damit praktisch von sich auf das nächste Teilchen. Abgekürzt muss man sich versuchen vorzustellen, dass es die Energie ist, die wandert und nicht das Wasser selbst.
Wenn man also am Atlantik in Südfrankreich sitze und das amüsante Shorebreak Gemetzel beobachtet, so handelte es sich dabei vielleicht ursprünglich um einen heftigen Sturm bei Island, der seine Energie an die H2O Teilchen gegeben, hier und da Kraft gewonnen oder verloren hat und letztlich als mehr oder weniger großer Sturmrest in Form einer Welle auf den Strand klatscht.
Kurz vor dem Strand handelt es sich jedoch natürlich um ein und dieselbe Wassermasse, die da bewegt wird. Das spürt man besonders, wenn man mit seinem Surfboard in die „weiße Waschmaschine“ geraten ist.
Trifft eine Welle nun also auf einen Widerstand unterwasser, wie beispielsweise eine Sandbank oder ein Riff, sucht sie sich den einfachsten Weg – und der ist nach oben. Sie türmt sich auf.
Währenddessen saugt sie wie ein halb verdurstetr Rottweiler immer mehr Wasser von vorne in sich auf, was eben dazu führt, dass vor der Welle kaum noch Wasser zu sehen ist. Riffe liegen dabei manchmal völlig blank, was die Situation im Falle eines Sturzes lebensgefährlich machen kann.
Da Jimbaran in einer Bucht ziemlich geschützt liegt, schmelzen die Riesenwellen von Süden kommend zu von mir surfbaren cleanen Barrels. Ich habe eine gute Tagesform, erwische viele Wellen und kann meine Turns weiter verbessern.
Gegen Mittag wird es dann immer mehr crowded und ich verliere mehr und mehr die Lust. Zu viele missachten die Vorfahrtsregeln, reiten Wellen in die falsche Richtung, was meine Positionieren vor ihnen sehr erschwert oder, und das ist das Schlimmste, geraten in einen brutalen Weißwasser Closeout und schmeißen ihr Board einfach weg ohne darauf zu achten wer hinter ihnen paddelt.
Das kostet mich mindestens einmal fast mein eigenes Board, da mir nichts anderes übrig bleibt, als abzutauchen und mein Brett seinem Schicksal zu überlassen.
Alles geht gut, doch ich beschließe das Wasser hinter mir zu lassen und den Rest der Session vom Strand aus zu beobachten.
Meine Entscheidung bestätigt sich, als ich die vielen Beginner und die damit verbundenen umherfliegenden großen Anfängerbretter an der ersten Brechungslinie sehe.
Kaum Respekt und Rücksichtnahme da draußen. Kein Ort, an dem ich nun weiter surfen möchte.
Leider ist Jimbaran der einzige Ort heute, der nicht übergroß ausfällt und damit für die meisten Level hier surfbar bleibt.
Gegen späten Nachmittag erreichen wir Padang Padang. Unser local Guide kennt einen mehr oder weniger geheimen Ort direkt auf den Klippen von denen man einen perfekten Ausblick auf das Lineup hat.
Wir knien uns dort neben ein paar Locals und zücken die Kameras.
Das Meer ist ruhig. Keine Welle weit und breit. Ich kann etwa 50 Surfer und einige Jetskies erkennen. Wir warten.
Was ich dann sehe ist überwältigend.
Das Wasser vor dem Lineup färbt sich urplötzlich schwarz und wie aus dem Nichts beginnt sich die Oberfläche auf einer zigfachen Quadrahtmeterfläche zu wölben. Was sich nun anfängt aufzutürmen nimmt mir fast den Atem.
Mehr als triple Overhead ballern hausgroße Ungeheuer auf die große Klippenwand zu.
Die Menschen dort unten sehen dagegen aus, wie Spielzeugsoldaten auf kleinen Nussschalen.
Und wie überall auf der Welt gibt es immer mindestens einen verrückten, der das versucht, was andere im Leben nicht wagen würden.
Einer der crazy Dudes paddelt dieses Hochhaus also an und dropt tatsächlich über mehrere Meter (!) hinunter an die fast 90 Grad steile Wellenwand.
Er bahnt sich einen Weg hinab der gigantischen Lefthander in einer unglaublich Geschwindigkeit.
Die Welle wächst noch weiter und beginnt hinter ihm zusammen zu zerfallen.
Als die Lippe der Welle ihn schließlich überholt wird alles still. Die Locals scheinen nur auf diesen Moment gewartet zu haben. Der Surfer muss sich nun, wenn er denn noch auf dem Brett steht, im green room befinen, mitten in Welle. Dieser Hohlraum, der sich bildet, wenn das Wasser dabei ist, sich zu überschlagen ist das Ziel eines jeden Wellenreiters. Nur umgeben von reiner Energie steuert man auf das letzte immer kleiner werdende Licht am Ende des Tunnels zu, die einzige Verbindung, die einen von der weißen Hölle trennen.
Und tatsächlich: etwa 20 Meter weiter schießt er umgeben von einem Haufen Spray und bis oben an die Klippen „woooohooo“ schreiend aus der Welle hinaus in Sicherheit.
Die Jetskies, die zum größten Teil dazu da sind, das einzusammeln, was nach einem Wipeout in diesen Wellen noch über ist einzusammeln, müssen dieses mal nicht raus.
Dafür jedoch noch viele weitere male in der nächsten Stunde.
Wir beobachten einige beeindruckende Stürze. Manchmal zucken selbst die Locals zusammen, meistens lachen sie jedoch, wenn einer der verrückten Typen von Europa, den USA oder Australien vom Monster geschluckt und zerkaut wieder ausgespuckt werden.
Als es jemanden besonders schlimm in die Todeszone zieht (die Welle rollt direkt auf unsere Klippen zu), kommentiert mein Nebenmann Christian aus Deutschland dies mit „ALTER SCHWEDE...“
Als Thomas, mein Guide aus Schweden, neben mir dies hört, sagt er total trocken: „No man. Thats me.“
Ich liege fast eine Minute am Boden vor lachen. Situationskomik at its best.
Ich schließe mich Danilo abends an, um dem großartigen Italiener einen erneuten Besuch abzustatten. Meine neue Mitbewohnerin, Alexandro flog heute wieder zurück nach Verona, wird mit uns kommen. Sie ist geborene Finnin, arbeitet aber nun in der Schweiz.
Ein neues Hobby von mir seitdem ich alleine reise ist, Menschen kennenzulernen. Zumeist stellt sich dies als sehr interessant und aufschlussreich heraus.