Kapitel 2: Tanzende Pinguine
Es ist 2 Uhr. Ich bin nun seit 18 Stunden unterwegs und der große Flug liegt erst noch vor mir.
Die 34 Grad, die hier selbst nachts die Luft aufquellen lassen schlagen meiner klimaanlagenverwöhnten Stirn direkt vor den Bug. Der Bus bringt uns über das kleine Rollfeld, auf dem gerade zwei Flughafenkräfte mit einer automatischen Leiter kämpfen.
Kurz vor Abflug zwängt sich ein Asiate neben mich ans Fenster.
Im Gegensatz zu David ist er gar nicht gesprächig und lässt ein „Danke“ nur erahnen, als ich ihm, seinen geschätzen 15 Tageszeitungen und einem 22 Zoll Monitor platz mache.
In der Luft höre ich lediglich ein kontinuierliches Husten und Niesen neben mir. Verdammt, warum hab ich nur die Tamiflu Pillen vergessen?!
Ich starte mein Entertainmentsystem und entfessle damit eine harte Schlacht zwischen zwei erbitterten Konkurrenten. Ich muss mich kurzerhand zwischen Harry Potter Teil V oder Happy Feet von Disney entscheiden. Nun, da ich mich bislang erfolgreich vor den ersten vier Teilen dieses Weltbüchererbes drücken konnte, gewannen wenig überraschend die steppenden Pinguine.
Ich erlebe allerdings nur noch die ersten Minuten dieses sicher bahnbrechenden Epos der Animationsfilmgeschichte, da mich die Müdigkeit nun doch übermannt und ich mit einem Sticker „please wake me for meal“ den Kampf gegen das Bewusstsein entgültig verliere.
Am Ende des Films fangen urplötzliche alle flugunfähigen, dafür aber riverdance konkurrierenden Vögel an, die Eisschollen zu rocken, wodurch ich gerade rechtzeitig wach werde, um einen Blick aus dem Fenster zu werden. Die Sonne geht nach nicht einmal fünf Stunden Dunkelheit auf.
Ein orange-roter Schweif erstreckt sich über die Wolkendecke. Ein neuer Tag. Das ging äußerst schnell und er wird vermutlich auch nicht besonders lange andauern, denn wir fliegen weiter nach Osten. Ab jetzt lassen wir die Tagesgrenze hinter uns. Ab jetzt überholen wir die Zeiger der Uhr und verlasse entgültig alles, was an Heimat erinnerte.
Ich beschließe das Ganze mit einer Partie Schiffe versenken auf meinem Flachbildschirm zu feiern. Nächster Stop: Kualalumpur.
Wenige hundert Meter über dem Boden zeigen sich sieben Stunden später riesige Palmenwälder, vereinzelte Hütten und kleine Fabriken. Mein Freund der Asiate verlässt mich anscheinend und hinterlässt dabei ein riesiges Nest aus Zeitungspapier. Sie liegen einfach überall herum und beginne zu bangen, die netten Stewards und -dessen würden mich dafür verantwortlich machen. Mit Aussicht auf eine komplett freie Bank nur für mich bis Denpasar säubere ich den Tatort (die Zeitungen waren so viel, dass ich im Mülleimer keinen Platz fand und sie kurzerhand oben in das Kofferfach verfrachtete) und setze meine Schlafbrille auf. Nun sind es nur noch vier Stunden. Soll ich wirklich schlafen? Ach nein, das lohnt sich nun auch nicht.. vielleicht versteht man Harry Potter V ja auch so. Bali, ich bin gleich da.