Von dem Transitstop in Kuala Lumpur nach etwa drei oder vier Stunden Flugzeit
bekomme ich kaum etwas mit. Lediglich die G-Kräfte, die meinen schlaftrunkenen Körper beim Start in die Sitze drücken, bemerke ich. Die Lichter draußen verschwinden und vom Film, den ich mir
zuvor unter Anstrengung und strengsten Kriterien herausgesucht hatte, findet ohne mich sein Ende.
Gegen 7 Uhr Balizeit wache ich auf, geweckt vom warmen Duft frisch erhitzter Croissants in der Flugzeugkabine. So richtig erholt fühlt man sich im Flugzeug nie denke ich und reibe mir den Schlaf aus den Augen.
So viele Stunden liegen noch vor mir. Ich sehe mir ein paar Filme an, höre endlich ein paar Alben, die schon seit Wochen mal komplett in die Ohren bekommen wollte und schlafe in den nächsten Stunden immer mal wieder ein.
Die Kamera, die mir eigentlich die Sicht des Piloten auf meinem kleinen Display anzeigen soll, zeigt leider nur den blauen Himmel. Dafür weiß ich jederzeit, wo Mekka liegt. Nun, vielleicht konvertiere ich ja auf dem Flug. Frankfurt ist noch weit.
In Doha angekommen bringt mich ein Bus über das riesige Flughafengelände. So ist zwar der Flughafen selbst, dafür dass er der Heimflughafen einer der größten Airlines der Welt ist, relativ klein, so scheint jedoch jeder Scheich des Landes einen eigenen Hangar zu besitzen. Die Learjets thronen jeweils vor einer Reihe edelster Sportwagen und blinzelt uns durch die Rolltore in die verschlafenen Augen.
Mein Transitstop ist längst nicht durch ein solchen langen wie den des Hinflugs gekennzeichnet. Nach einem kurzen Frühstück im Schnellimbiss und einem Email Check im Terminal ist bereits wieder Boarding Time.
Die zweite Etappe hingegen stellt sich als viel langwieriger dar. Ich kann nicht
mehr schlafen und obwohl die Vielfalt der angebotenen Filme und Musikalben enorm ist, bleiben knapp 20 Stunden Flug eben 20 Stunden Flug und gerade die letzten sechs nun nach Frankfurt ziehen
sich wie Kaugummi!
In Frankfurt lässt mich der Zoll ohne Beanstandungen durch den green channel und ich atme draußen am Bahnhof zum ersten mal seit knapp zwei Monaten deutsche Luft.
Kalt ist es und ich bin froh, mit der langen Hose gestartet zu sein und meine Turnschuhe nicht wie geplant auf Bali entsorgt zu haben.
Als der ICE eine Stunde später endlich seine Fahrt gen Hannover antritt, ist es nebelig draußen und ich erwische mich selbst dabei, wie ich unentwegt aus dem Fenster in die Natur starre. Vertraut und doch fremd rast Vegetation und Dorf und Stadt an mir vorbei.
Es ist fast schon wieder dunkel, als ich Hannover und eine weitere Stunde später die Heimat erreiche.
In etwa 24 Stunden bin ich um den halben Erdball gereist. Im Durchschnitt betrug meine Geschwindigkeit inklusive aller Stopps und Pausen etwa 500 km/h. Nicht schlecht für jemanden, der sonst jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit fährt.
Die Nach drauf träume ich wirres Zeug und habe arge Schwierigkeit, als ich aufwache, mich zu orientieren. Zuviele Gedanken schwirren in meinem Kopf und es ist wirklich schwer zu begreifen, jetzt wieder „hier“ zu sein. Noch vor Stunden saß ich bei 31 Grad im leeren Lineup in Canggu. Jetzt im leeren Zimmer in Sülbeck.
Wenn ich zurückdenke, fallen mir vor allem Menschen ein, die ich kennengelernt habe
und vor allem Menschen, die mich über längere Zeit dort begleitet haben. Es war ein Trip mit vielen Gesichtern. Eine Reise mit Frage- und Ausrufezeichen.
Ich denke an den ersten Schock am anderen Ende der Welt, voller Chaos, Dreck und fremden Bräuchen. An die Menschen, denen wir so viel voraus haben und von denen wir dennoch so viel lernen könnten. Ich denke an all die Reisenden und Wegbegleiter. An Dave, Elina, Chris, den anderen Chris, Daniel, Bern, Koosje, Bobby, Jabes, Julie, und und und... ich hoffe mit einigen in Kontakt zu bleiben. Ich hoffe es wirklich und das Internet macht es Gott sei dank einfach.
Ich hoffe eines Tages zurück zu kehren. Vielleicht sogar schon sehr bald. Nach der Reise ist vor der Reise in meinem Leben und das einzige, was mich davon abhält möglichst schnell wieder auf die Insel der Götter zu pilgern sind die vielen anderen Ideen in meinem Kopf.
Ich bin auch froh wieder hier zu sein. Auch hier sind viele wichtige Menschen für mich, die ich zum Teil schon wieder gesehen habe und auf deren Wiedersehen ich mich zu diesem Zeitpunkt immer noch sehr freue.
Viele Orte schweben mir und meinem Brett durch die Eingeweide. Marroko, Sri Lanka, eine Rückkehr nach Fuerte...
Ich bin hin und her gerissen.
Zwischen Heimweh und Fernsucht.
Auch dieser Tag neigt sich also irgendwann dem Ende und ich durchblättere die letzten
Seiten meines Buchs. Die Welt ist nicht untergegangen – noch nicht. Ich springe das letzte mal in den privaten Pool der Villa, lass mich auf ein letztes Bintang einladen, bringe mein Boardbag auf
den Hof zu den Shuttlefahrzeugen und verabschiede mich von den vielen Menschen, mit denen ich hier eine wirklich gute Zeit hatte. Sie stellen nur einen kleinen Teil des Gesamtpakets dar, doch
bleibt durch den Umstand, dass ich dieses mal gehe und niemand mich auf der Insel verlässt ein biederer Nachgeschmack.
Die Sicherheitskontrollen hinter mir gelassen warte ich noch etwa eine Stunde mit
hundert weiteren Fluggästen im Gedränge auf das Boarding.
Es ist voll heute morgen. Ich zähle über 40 Surfer allein in Batu Bolong
und mindestens 30 nebenan bei Old Man. Die Wellen sind gut, recht hoch, ziemlich steil, schnell und dennoch sauber. Eine kraftvolle Schulter zieht sich von rechts nach links am überfüllten Lineup
vorbei. Ein paar mal schaffe ich es, eine späte Linke recht weit in der Inside am linken Rand zu erwischen. Die Fahrten sind nicht besonders lang, aber sehr schnell.
Als ich neben mir einen Australier sehe meine ich zu wissen, dass die
Welle, die von hinten anrollt an seiner Position nahe des Peaks längst gebrochen sein muss. Also beschließe ich ein Takeoff Battle zu starten und im Falle eines missglückten Versuchs seinerseits,
selbst in das Tal zu rauschen. Doch schon fast in der Abfahrt bemerke ich, dass er tatsächlich versucht, die schon weiß gewordene Steile Wand zu reiten und fahre die Notbremse aus. Es gelingt mir
hinter der Welle zu bleiben und während des Zurückpaddelns sein Brett zu betrachten, das anscheinend nach einem Missgeschick im hohen Bogen gen Himmel schießt.
Auf meinem Weg in den Warung platze ich überraschend in eine
Beerdigungszeremonie mitten am Strand hinein. Jeder, der einmal auf der Insel residiert, sollte sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen. Es ist fast das Gegenteil von deutschen Beisetzungen
und dauert weit über sechs Stunden.
In Provinz fahren wir durch Reisterassen und kleine Dörfer. Die Menschen
hier scheinen sich anders zu bewegen, als im Süden. Es mag an der allgemeinen Gelassenheit, der frühen Stunde oder etwas anderem liegen, doch mich erinnern sie schwer an Zombies aus die Nacht der
lebenden Toten, wie sie da neben der Straße mit starrem Blick durch die Gegend wanken.
Meine Session am Hausspot verläuft großartig. Die Wellen sind hoch, ich
schätze sie auf etwa neun Fuß, steil und sehr schnell.
Immer noch dauert das Fest des Gulungan an und immer noch versammeln sich
abends hunderte Menschen um die vielen Tempel auf der Insel, um zu beten. Es ist schon erstaunlich, dass im Inselstatt Indonesien, wo 87% dem Islam angehören und nur 1,9% den Hindus, 95% von
ihnen auf Bali leben. Doch selbst hier steigt die Zahl der Moslems durch die stetige Zuwanderung von kleineren Inseln stetig.
Der Surf heute morgen ist alles andere als gut. Der Swell hat
Des Mittags steht mein inzwischen alltäglich gewordener Gang zum Jack Johnson
Warung an. Da sie mir das Rezept ihres Kultpancakes nicht verraten wollen, mache ich zumindest eine digitalisierte Zelluloid Aufnahme des Heiligtums am Canggu Beach.
Während des Sonnenuntergangs surfe ich während der kommenden Low Tide
einige Wellen in Batu Bolong. Dabei treibt es mich immer mehr Richtung Strand, bis ich nach einer langen Linken beim paddeln plötzlich das Riff direkt an meinen Handflächen spüre. Verdammt. Die
nächste Welle spült mich weiter über die scharfen Felsen und ich reiße mit die rechte Hand und einen Zeh auf. Später stelle ich weiter fest, dass mein Board einen größeren Riss auf der unteren
Seite aufweist. Insgesamt geht die Sache jedoch recht glimpflich aus. Ich hätte mir genauso gut den gesamten Rücken am messerscharfen Gestein blutig schlitzen können. Sogar die Finnen sind noch
intakt an der Boardunterseite.